Irgendwie verlesen

Zurückrudern ist doof. Muss ich jetzt aber machen. Vor ein paar Tagen hatte ich im Euphorierausch, den die gelungene Reanimation des Magazins Tempo bei mir ausgelöst hatte, behauptet, in dem Heft sei nichts zum Thema Kulinarik zu finden. Aber es ist doch etwas drin, wie ich heute entdeckte, ich hatte es im Inhaltverzeichnis schlicht überlesen.
Vielleicht wollte ich es nicht wahrhaben. Tempo und Essen, irgendwie ging das in der Vergangenheit nicht zusammen. Beim Lesen des Artikels Frust oder Keule ab Seite 304 merkte ich dann: Es geht immer noch nicht. So großartig ich die meisten Beiträge finde, so alibimäßig wirkt diese Geschichte. Es ist eine bloße Aneinanderreihung altbekannter Wahrheiten (immerhin sind es Wahrheiten), die in der Summe leider nichts Neues ergeben. Wir erfahren, dass Robert M. Parker der Welt mit der Macht seiner Kritiken einen Einheitsgeschmack aufzwang. Und das denjenigen, der den Fernseher anmacht (hey, mach’ bloß meinen Fernseher nicht an), auf allen Kanälen Fernsehköche angrinsen. Und dass Slow Food versucht die kulinarische Welt zu retten.
Unwahrheiten gibt es auch, nämlich, dass Gourmets neuerdings bei Harald Wohlfahrt, Dieter Müller und Joachim Wissler schon Tage vorher einen Tisch reservieren müssen. Mit Verlaub, das musste man schon immer. Okay, bei Dieter Müller bekam ich schon mal zum Lunch einen Platz ohne Reservierung, aber sonst? Die Behauptung, Ferran Adrià hätte die Französische Hofküche enthauptet, steht genauso sinnleer im Textraum wie die Erkenntnis, das Jamie Oliver ganze Heerscharen untalentierter Nachgänger über den europäischen Sendeanstalten abgeworfen habe. Als ob der nichts besseres zu tun hat als Heerscharen abzuwerfen. Gerade jetzt, wo die englischen Schulkinder angeblich aus genau den Kantinen flüchten, die nach seinen Maßstäben kochen. Das spricht nicht gegen Jamie. Es zeigt auf erschreckende Weise, wie weit die Degenierung des Essverhaltens bereits fortgeschritten ist. Und wer jetzt denkt: Na ja, die Engländer, die hatten ja noch nie einen guten Geschmack, braucht nur mal durch unsere Ganztagsschulen und Kita-Küchen stiefeln. Da verbreitet sich schon lange das kulinarische Grauen in Tüten.