Hart aber fair: Dick, dicker, deutsch

Spannende Diskussionsrunde über mein aktuelles Lieblingsthema bei Frank Plasberg, der die gestrige Sendung Hart aber fair mit den folgenden Fragen zuspitzte: Zu viel Pizza, zu viel Pommes– jeder zweite Deutsche ist zu dick. Schon unsere Kinder wiegen viel zu viel. Die Folgen können dramatisch sein: Depressionen, Diabetes, Herzinfarkt. Doch wer hat Schuld?
Am Ende ausgerechnet die Schuldfrage. Hätte man sich auch sparen können. Schuldzuweisungen haben, wie ich finde, selten konstruktiven Charakter, sie lenken ab und führen oft dazu, robleme in gegeneinander Aufrechnen von Einzelaspekten zu zerreden, statt einen Blick für die Summe aller Faktoren zu gewinnen. Für mich also der falsche Ansatz, obwohl die Sendung trotzdem sehr gut und wichtig war. Und das lag nicht zuletzt an den vielen informativen Einspielern von Frank Plasberg. Die Gäste fand ich nahezu durchgängig nur mässig bis gar nicht überzeugend. Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wollte wohl beweisen, wie aktiv sein Ministerium in Ernährungsfragen ist, Snackhersteller Werner Wolf versuchte zu vermitteln, wie gut seine Podukte sind und dass die Industrie die wahren Ursachen der Fettleibigkeit nicht nur erkannt hat sondern sogar dagegen vorgeht (nein, die Produktion von Chips wird nicht eingstellt, man unterstützt lieber Fitnessprogramme mit denen die Chipskalorien wieder abtrainiert werden können). Sarah Wiener verbiss sich leider in Fragen über Lebensmittelzusatzstoffe und führte ausgerechnet Zitronensäure (E 330) an, die jedoch sogar von Ökotest als gesundheitlich unproblematisch * eingestuft wird und ungefähr so viel zur Verfettung der Menschen beiträgt wie eine Aspirintablette. Über die von Sarah gerne verwendeten Zutaten Butter und Sahne in ihren über das Fernsehen verbreiteten alpenländisch ausgerichteten Rezepten hätte Plasberg auch reden können, wenn er hart gewesen wäre. War er aber in diesem Punkt nicht. Von Sarah wiederum hatte ich mir eine stärkere Hinwendung zur Kochkultur gewünscht, die ihr leider nur ansatzweise gelang. Thilo Bode von foodwatch war mir zu sehr mit der Geißelung der Lebensmittelindustrie beschäftigt, und dass Schauspieler Reiner Hunold mal wieder sein Image als XXL-Model pflegt und über die gesellschaftlich ausgegrenzten Dicken jammert, war ohnehin zu erwarten.
Mein Fazit aus der Sendung ist, dass die vielen Faktoren, die Übergewicht verursachen, in einem gesellschaftlichen Diskurs augeleuchtet und in einem Gesamtkonzept angegangen werden müssen. Für mich ergibt sich folgendes Ranking bei den Ursachen: wachsende Armut, fehlende Bildung, mangelnde Eigenverantwortung, zu geringe Reglementierung der Lebensmittelindustrie, mangelnde Kochkultur.
Was man meiner Meinung nach ganz konkret tun sollte, neben einer ganz allgemein formulierten, gesamtpolitisch am Wohl der Vielen ausgerichtete Arbeits-, Sozial- und Bildungspolitik, hier mal in loser Reihenfolge:
– Adidpositassteuer für Junk-Food-Produkte zur Finanzierung von Ernährungsprojekten
– Ganztagsschulen mit einer für Kinder aus bedürftigen Familien kostenlosen, gesunden Verpflegung
– Koch- und Ernährungsunterricht als Pflichtfach in den Grundschulen
– staatliche Kampagnen zur Vermittlung von Ernährungswissen
– Ampelkennzeichnung für Lebensmittel einführen (wie in England)
Und dann war da noch die Sache mit der Wurstvergleichsverkostung in der Sendung, bei der keiner, wirklich keiner der Gäste bemerkte, dass eine der beiden Würste nahezu fettfrei hergestellt wurde. Die Wurst stammt aus der Metzgerei von Josef Pointner, der sie mit Unterstützung des Fraunhofer Instituts entwickelte und zum Patent angemeldet hat.

* Nachtrag: Der Link wurde von Ökotest inzwischen entfernt. In einem Beitrag von 2012 heißt es nun: “E 330 wird mithilfe gentechnisch manipulierter Schimmelpilze auf Zuckerlösungen erzeugt, die aus Gen-Mais gewonnen sind ….  Zitronensäure ist Säure- und Antioxidationsmittel in Softgetränken, steckt aber auch in Fertiggerichten, Wurst und Desserts.” Als Dickmacher wird es auch weiterhin nicht eingestuft.