Deutsche können kontieren, aber nicht kochen

Den Meldungen der letzten Woche zufolge, können Deutsche besonders kreativ kontieren. Okay, manchmal fällt es auf, wenn ein paar Euronen über selbst gegründete Stiftungen in Liechtenstein an der Steuer vorbei gebucht werden, aber Kreativität kann uns auf diesem Terrain keiner absprechen. Wohl aber, wenn es ums Kochen geht.
Wie ich gerade in einem Beitrag im blog von eigenarbeit las (der sich auf eine Story von Maren Preiss in der SZ bezieht), wurde zur Messe Identità Golose kein deutscher Koch eingeladen. „Wir bringen die Deutschen nicht mit Genuss in Verbindung. Außerdem ist die deutsche Küche noch immer stark von der französischen beeinflusst. Es reicht heute nicht aus, nur eine gute Küche zu haben. Kreativität und Innovation sind mindestens genauso wichtig“, wird Paolo Marchi, Gründer der Veranstalter zitiert. Ganz richtig ist das nicht, denn mit Heinz Beck hat durchaus ein deutscher Koch an der Mailänder Messe teilgenommen. Die Italiener haben Beck aber vermutlich wegen seiner langjährigen Tätigkeit in Rom schon assimiliert.
eigenarbeit zieht aus der mangelnden Beteiligung deutscher Köche den Schluss, dass die Deutsche Küche ein Doppelproblem habe, nämlich eine Technologie- und Wissenschaftsfeindlichkeit, gepaart mit Traditionsfeindlichkeit (da man lieber mediterran als regional koche). Da ist viel Wahres dran. Allerdings ist mein Eindruck, dass eine Affinität zur regionalen Küche in der Spitzengastronomie hierzulande durchaus vorhanden ist, die Technologie- und Wissenschaftsfeindlichkeit aber geradezu erschreckend tief sitzt. Angst, Unwissenheit und die mangelnde Bereitschaft vieler Köche und Kulinaristen, sich weiterzuentwickeln und ständiges Lernen als Tugend zu begreifen, sind meiner Meinung nach die Ursachen für das aktuelle deutsche Küchendesaster, das auch tapfere Recken wie Juan Amador und Heiko Antoniewicz nicht abwenden konnten. Dass wir international inzwischen abgehängt sind, habe ich an dieser Stelle ja schon mehrfach beklagt. Und das wird noch extremer werden, wenn die Mit-Bastkörbchen-auf-Wochenmarktgeher-Fraktion ihren Einfluß auf das Kochgeschehen im Lande behaupten kann.
Vor allem, weil Deutschland ein Land der Ingenieure ist, ein Land, das aufgrund seiner hochwertigen technologischen Erzeugnisse den Titel Exportweltmeister führt, will mir nicht in den Kopf, warum wir beim Kochen derart technologiefeindlich eingestellt sind. Möglicherweise hat es mit unserer Neigung zu tun, nahezu jede Frage des Alltagslebens zu ideologisieren. Wer Lebensmitteltechnologie und -wissenschaft befürwortet, findet sich schnell in einer Schublade wieder, wo auch Anhänger von Kernenergie und gentechnisch veränderter Lebensmittel einsortiert sind. Aber auf dem Hamsterrad der Ideologie ist tatsächliches Vorankommen nun mal unmöglich.