Ferien, Übergewicht, Herr Lafer und Frau Maischberger

2012-10-02-Lafer-1259Zurück aus dem Osterurlaub, beschäftigt mich das Thema Übergewicht stärker als üblich. Nicht, dass ich in den Ferien zu viele Schokohasen und Eier vertilgt hätte und jetzt schleunigst abspecken müsste, nein, mir liegt immer noch eine Sendung mit Sandra Maischberger im Magen, die am vergangenen Dienstag im Ersten über den Bildschirm ging. Thema: Dicke am Pranger: Faul, gierig, undiszipliniert? Die Gäste: Starkoch Johann Lafer, das leidgeprüfte Paar Sabine Naß und Thomas Sittinger, die stark übergewichtige Autorin Margit Schönberger, der Arzt und Diätkritiker Dr. Gunter Frank und die Ärztin und Gesundheitsberaterin Dr. Annette Heller.
Ich kann mich nicht erinnern, in einer Fernsehsendung jemals so viel haarsträubenden Unsinn zum Thema Ernährung und Dicksein gehört zu haben. Allen voran ging mit Dr. Gunter Frank auf den Keks, der sich augenscheinlich so in seiner Rolle als provokanter Diätkritiker gefiel, dass er dabei die Darstellung seines einzig guten Arguments, nämlich das der psychologischen Ursachen für Übergewicht und Fehlernährung (z.B. Stress) im Verlauf der Sendung fast völlig aus dem Blickwinkel verlor. Dabei wäre das mal ein wirkllich spannender und erhellender Aspekt gewesen. Statt dessen vermittelte Frank den Eindruck, es sei im Grunde wurscht, was wir essen, weil Dick- oder Schlanksein genetisch vorbestimmt seien, weshalb wir sowieso nix ändern könnten. Allenfalls die Lösung emotionaler und psychologischer Ursachen (es gibt also doch andere als die genetischen, womit er sich selbst widerspricht), könnten nachhaltig die ein oder andere Verbesserungen bewirken. Ich denke, Frank wird es besser wissen, konnte oder wollte es aber nicht vermitteln. So kann man auch PR für die eigenen Bücher machen. Dass der kompottsurfer wegen Jojo- und anderer Effekte ebenfalls nichts von Diäten hält, sei an dieser Stelle nur zur Positionsklärung erwähnt.
Der Auftritt der Autorin Margit Schönberger war auch nicht viel besser als der von Frank. Ihre bisweilen sehr überheblich wirkende Art war durchzogen von Ignoranz gegenüber gesundheitlichen Risiken und Minderung von Lebensqualität durch starkes Übergewicht. Die durch Magenverkleinerung wieder nahezu normalgewichtig gewordene Sabine Naß sagte denn auch sinngemäß, dass sie es aufgrund ihrer Erfahrungen nicht glauben könne, wenn jemand behaupte, es mache ihm nichts aus, wenn er sich wegen seiner Fettleibigkeit nicht mal mehr die Schuhe zubinden könne.
Und dann war da noch Johann Lafer, der den Zuschauern unter anderem weiß(mehl)machen wollte, dass sechs Weißmehlbrötchen, bestrichen mit Konfitüre oder Nutella als Frühstück im Rahmen einer Diät (die er nicht nur selbst ausprobiert sondern natürlich auch schon zwischen zwei Buchdeckel fabriziert hat) zur Gewichtsreduzierung beitragen würden. Ich habe Respekt vor Lafers Leistung, nicht nur erkennbar abgespeckt sondern auch erkannt zu haben, dass ihm das geringere Gewicht einschließlich erhöhter körperlicher Aktivität in Form von Jogging etc., einen Gewinn an Lebensqualität bescheren kann, weil das Körpergefühl ein anderes, ein angenehmeres ist. Aber deshalb eine ernährungsphysiologische Atombombe als ein der Sache dienliches Frühstück zu verkaufen, ist schon echt frech. Sechs Weißmehlbrötchen mit Konfitüre oder Kristallzucker geschwängertem Brotaufstrich – das kann einfach kein Schlankmacher sein.
Am Ostersamstag, also noch vor Ausstrahlung der Sendung, machte ich mit meinem Sohn einen Ausflug zum Herrmannsdenkmal nach Detmold. Während ich nach dem Besuch entspannt im Biergarten saß und auf die vorbeilaufenden Menschen schaute, fiel mir auf, dass viele von ihnen deutlich übergewichtig waren und zwar quer durch alle Altersgruppen. Das bracht mich darauf, einmal eine kleine, völlig unrepräsentative Studie vorzunehmen. Ich zählte die nächsten hunderte Besucher durch und machte dabei eine Strichliste in Bezug auf die Gewichtskategorie, die aufgrund des warmen Wetters und der leichten Bekleidung gut abzuschätzen war. Das Ergebnis schockierte mich:
untergewichtig: 0 Personen
normalgewichtig: 24 Personen
leicht übergewichtig: 37 Personen
stark übergewichtig: 39 Personen
Wenn es richtig ist, was Dr. Frank behauptet, müssen verdammt viele Menschen Gendefekte haben und unter Stress oder anderweitigen psychologischen Problemen leiden. Ich denke, es gibt vor allem viel zu viele Leute, die einfach nicht erkennen wollen, dass Fehlernährung eine tickende Zeitbombe ist, die nicht nur individuelle sondern auch gesellschaftlich unangenehme Knalleffekte in Gang setzen wird. Die Katastrophe ist meiner Meinung auch gar nicht mehr aufztuhalten, im besten Falle könnte sie mit geeigneten politischen Maßnahmen (Ampelkennzeichnung sei da nur als ein Beispiel genannt) lediglich abgeschwächt werden.
Mir fällt zu der Problematik immer wieder das durch Jamie Olivers Kampagne feed me better in Englands Schulkantinen auf den Weg gebrachte Ernährungsprogramm ein, dass von besorgten Eltern torpediert wurde, die Angst hatten, ihre lieben Kleinen würden wegen der gesunden Kost verhungern und ihnen zur Pause fettes Fast Food vorbeibrachten.