Hobbykochs Albtraum: Zutatenrätselraten und Beschaffungskriminalität

Wenn die freudige Aussicht auf einen genussvollen Menüabend mit Freunden und die pure Verzweiflung in den Zubereitungsstunden davor zum Yin und Yang des ambitionierten Hobbykochens verschmelzen, dann sind wir in einer Wirklichkeit angekommen, die Fernsehköche und Kochbuchautoren gerne verdrängen. Aber weil Bangemachen nur in der Geisterbahn gilt, schauen wir einfach mal ganz genau rein in die Rezepte, deren Fotos und Überschriften uns schon bei ihrer Auswahl vor ein paar Tagen den Sabber der Gier in die Mundwinkel getrieben hatten.
Genau gelesen werden Rezepte ja oft erst dann, wenn die konkrete Vorbereitung ansteht. Vielleicht geht ja alles ganz einfach, denkt sich der ambitionierte Hobbykoch und schaut auf die Zutatenlisten für die jeweiligen Gänge. Und dann tauchen sie auf wie russische U-Boote vor Kuba, die Zutaten, die es in keinem üblichen Supermarkt gibt: Lardo, Sternrenetten, Affilla Cress, Raz-Al-Hanout, dunkler Muscovado, Yuzu, Isomalt, Lakritzpaste, Macisblüte, Quittenessig, Maldonsalz, tasmanischer Pfeffer, Pfeilwurzmehl und Ducca. Darum muss sich also zuerst gekümmert werden, bevor Jagd auf die handelsüblichen Fisch-, Fleisch und Gemüsezutaten gemacht wird.
Und plötzlich ist er da, der Angstschweiß. Schnell den Computer hochfahren, unbekannte Begriffe googeln. Ah ja, Affilla Cress ist chinesische Kresse. Ducca eine äthiopische Gewürzmischung. Yuzu eine asiatische Zitrusfrucht. Macisblüte der Samenmantel der Frucht des Muskatbaumes.
Noch zehn Stunden Zeit. Also erst mal zum Asia Shop rasen. Schon die erste Ampel zeigt ein sattes Blutgrün, sei’s drum, einfach noch schnell rüberhuschen. Ach ja, schnell geht gar nicht, weil Tempo 50 vorgeschrieben ist. Tempo 50 auf diesem zweispurigen Stück gut ausgebauter Straße, spinnen die? Klar, Beamte machen so was. Die haben ja auch Zeit genug zum Einkaufen. Also 75 km/h sind unter solchen Umständen auch okay. Dann kritische Parkplatzsituation in der City. Logisch, ist ja Samstag. Warum müssen die Leute eigentlich immer Samstags einkaufen? Vor allem die Rentner? Glück gehabt, da ist noch was auf dem Fahrradweg frei, der misst sowieso nur 150 Meter, fängt am Gerichtsgebäude an und hört an der Ampel schon wieder auf. Schwachsinn. Mal eben kurz draufgestellt, dauert ja ohnehin nicht lange.
Das meiste hat der Asialaden tatsächlich vorrätig. Puh. Also schnell einpacken und zum Auto hetzen. Knöllchen hinter dem Scheibenwischer enfernen und Scheiße rufen. Denn da hinten blinkt es auf irgend einem gelben Autodach gefährlich Orange. Könnte eine Karre vom ortsansässigen Abschleppdienst sein. Nur schnell weg und ab zum Afrika Shop, vielleicht haben die Ducca und diese verdammte Blüte. Wieder kein Parkplatz frei. Okay, rechte Fahrspur, Warnblinker an und rausspringen. Ducca gibt’s, Blüte nicht. Zurück zu Hause schnell ein Butterbrot essen und Milchkaffee trinken. Schnippeln, mise en place machen. WDR 2 einschalten und Liga live hören. Magengrummeln, weil der Lieblingsclub mal wieder in höchster Abstiegsgefahr schwebt. Weiter schnippeln und mise en place machen. Nachdenken. Wieder Scheiße rufen. Fleisch und Fisch sind noch gar nicht besorgt. Und die Uhr zeigt 15.35 Uhr. Vorletzter Ausweg Großmarkt.Tempo 80 km/h ist ausnahmsweise okay, Kinder sind sowieso keine auf der Straße, die gucken jetzt bestimmt alle Fußball. Und die Rentner sowieso. Gerade noch rechtzeitig am Großmarkt. Tunfisch, Kalbsfilet, und endlich Sternrenetten. Was fehlt ist Isomalt, diese doofe Blüte, Lakritzpaste. Aber auf dem Rückweg muss im Rewe noch einen Tüte Lakritzschnecken eingesackt werden. Irgendwie wird schon Paste daraus zu machen sein.
Im Autoradio wird die 2:0-Führung des Lieblingsclubs vermeldet. Na, geht doch. Die Stimmung steigt, obwohl das Zeitfenster immer schmaler wird. Fußball hat eben magische Kräfte. Noch schnell rein in den Supermarkt, etwas Nervennahrung in Form von Schokolade einpacken. Jetzt aber schnell wieder an den Herd. Aus dem Radio kommt die Meldung vom 2:2. Führung verspielt. Aber egal, ein Punkt kann im Abstiegskampf sehr nützlich sein. Gedanklich fünf Euro ins Phrasenschwein werfen. Und schnippeln, mischen, pürieren, garen, einschweißen. Wieder irgendwo ein Tor. Hoffentlich nicht …. . Wieder Scheiße. 3:2 hinten, ganz kurz vor Schluss. Das darf nicht wahr sein. Stimmung fällt Richtung Nullpunkt. Dann wieder ein Tor. Ausgleich 3:3. Jaaaa!! Leider rudert der Reporter zurück, Tor aberkannt wegen Abseits. Stimmung unter Null. Jetzt noch Eisparfait machen, das passt.
Irgendwann ist alles fertig, vor allem der Koch mit den Nerven. Schnell die Arbeitskleidung ab- und legere Freizeitkleidung angelegt. Es klingelt. Schnell zur Tür. Auf dem Weg Hemd in die Hose stecken, Hosenschlitz zumachen. Haartumult plattklopfen. Und Begrüßungsworte entgegennehmen: Hallo, macht doch nichts, dass wir etwas zu früh dran sind? Und? Alles okay bei dir? Du siehst etwas gehetzt aus. Ach, nicht der Rede wert.
Für alle die das nächste Mal mit Plan vorgehen und keinen Stress haben wollen, hier zwei empfehlenswerte Adressen für besondere Zutaten und Frischeprodukte.
www.bosfood.de
www.frischeparadies.de (Großmarkt, auch für Endverbraucher besuchbar in Berlin, Essen, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Stuttgart, Wien)