Mobbing in der Küche: Johann Lafer gegen Tim Raue

Gestern, 22 Uhr im WDR-Fernsehen: Die Autoren Ellen Trapp und Kristian Kähler berichten in ihrer sehenswerten Reportage Traumberuf Koch? 16 Stunden am Tag schuften über den Alltag in der Spitzengastronomie am Beispiel von Koch-Azubis und solchen, die es werden wollen. Was mich an diesem Beitrag (Wdh. 17.9. um 14.15 Uhr) schockiert hat, war nicht die Erkenntnis, dass das Leben eines Kochs in der Spitzengastronomie anstrengend ist, denn das ist nun wirklich nicht neu. Aber dass ein junger, mehrfach ausgezeichneter Koch wie Tim Raue (Restaurant MA im Hotel Adlon) seinen Kopf in die Kamera hält und Zuschauern wie mir nachhaltig den Eindruck vermittelt, wer Koch werden wolle, müsse in der Ausbildung nicht zu viel Intelligenz mitbringen und es aushalten können, gebrochen zu werden, finde ich schlimm. Ganz schlimm. Andere Leute würden das vielleicht Mobbing nennen, so sagte Raue sinngemäß, aber er fände das in diesem Beruf ganz normal und unbedenklich. In diesem Zusammenhang verweise ich auf einen bereits älteren blogbeitrag von Dr. Friedhelm Mühleib auf wohl-bekomms. Ob es sich alles so zugetragen hat, wie dort beschrieben, dafür kann ich mich natürlich nicht verbürgen, aber es passt zu Raues Äußerungen vor der Kamera.
Ganz anders Johann Lafer, der im Beitrag ebenfalls zu Wort kam und einen verantwortungsvollen und pfleglichen Umgang mit Azubis fordert. Zwar weiß ich nicht, wie es in Lafers Küche wirklich zugeht, aber er vermittelte mir den durchaus glaubwürdigen Eindruck, dass er seinen Ansichten gemäß handelt.
Nicht wenige Köche pflegen ja diese Wir-sind-ganz-harte-Jungs-Attitüde und merken gar nicht, wie lächerlich sie dabei wirken. Es ist aus meiner Sicht jedenfalls völliger Irrsinn, dass in einem Beruf, in dem es lediglich darum geht, einigen  Privilegierten Leckerlies aufzutischen, anscheinend völlig selbstverständlich weit abseits des Arbeitszeitgesetzes gewerkelt werden muss. Zur Erinnerung hier mal §3 ArbZG: Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Da stimmt doch was nicht. Wir reden ja hier nicht über Soldaten im Kampfeinsatz in Afghanistan oder Rettungsteams im Erdbebengebiet. Wir reden über Spitzengastronomie. Und auch da sind Chefs nun mal verantwortlich für ihre Angestellten und Azubis, und sie sollten in der Lage sein, ihren eigenen Ruhm nicht auf dem Buckel anderer zu mehren. Wenn sie das schaffen, sind sie wirklich gut. Ach ja: Arbeitszeitgesetze sind nicht geschaffen worden, damit sie jeder nach eigenem Gutdünken interpretieren oder gar ignorieren kann. Demnächst fährt Raue auf dem Weg zum Großmarkt über eine rote Ampel und nimmt für sich Straffreiheit in Anspruch, weil er für Filmstar Robert de Niro noch schnell ein Stück Ibérico-Schinken ranschaffen musste.