Food Porn versus Taste Spotting. Oder: Wie Begriffe in die Irre führen.

Gestern im Ersten. ARD-Nachtmagazin. Ein Beitrag über so genanntes Food Porn, bei dem der Eindruck entstehen konnte, der Begriff stehe für die bei einigen Genussmenschen beliebte Angewohnheit, Essen zu fotografieren, während man im Restaurant sitzt. Das aber hat aus meiner Sicht nix mit Food Porn zu tun. Der Begriff Food Porn steht ja für eine spektakuläre Präsentation von Essen. Wer das ständige Fotografieren von besonders eindrucksvoll präsentierten Gerichten im Restaurant unbedingt verenglischen will, könnte besser den Begriff Taste Spotting verwenden. In Anlehnung an Trainspotting, dem Hobby einiger, na ja, eigenwilliger Zeitgenossen, bestimmte Züge auf bestimmten Strecken zu fotografieren.
Aber im Gegensatz zum Trainspotting, wo das Fotografieren die zentrale Aktion ist, bleibt beim Taste Spotting immer noch das Verzehrerlebnis das wichtigste. Fotografieren ist nur Nebensache, vielleicht, um ein paar Facebook-Freunde neidisch zu machen. Ich fotografiere auch gerne mal ein Essen im Restaurant, aber es hat für mich mehr dokumentarischen Charakter. Ich will mich später einfach besser erinnern können. Fotos als Gedächtnisstütze also, nicht als eine Art, ähem, kulinarisch-sexueller Nötigung. Alles, was ihr auf den Seiten des kompottsurfers findet, ist also keusch gemeint ;-).
Auch die geschätzte Kollegin Astrid Paul war im Beitrag zu sehen (Arthurs Tochter kocht) sowie Sternekoch Frank Buchholz. Ob es okay sei, Fotos vom Essen im Restaurant zu machen, wurden sie sinngemäß gefragt. Beide fanden das in Ordnung, Frank merkte allerdings auch ein etwas mulmiges Gefühl an. Vielleicht kommt ja mal irgendwann ein Koch auf die Idee, einem der Dauerfotografierer ein ganz besonderes Menü zu bieten: Foto von Amuse Gueule, Foto von der Vorspeise, Foto vom Hauptgang, Foto vom Dessert. Trinken? Ja, wir hätten da noch ein Foto von einem 1955 Lynch Bages. Kostet natürlich eine Kleinigkeit.