Reifer? Teurer? Schmackhafter? Die Sache mit dem Flugobst, dem Ethylen und der Trick mit dem Nachreifen.

Fallobst, dieser Begriff dürfte zumindest Teilen der Baby-Boomer-Generation noch ein Begriff sein, die als Kinder vielleicht noch selbst unterwegs waren und die Pflaumen, Äpfel und Birnen einsammeln mussten, die im Garten überreif vom Baum gefallen und dann von Eltern und Großeltern zu Kompott, Konfitüren oder Saft verabeitet wurden. Eine Mühe, die sich heutzutage kaum noch jemand macht.
Lagerobst dagegen umschreibt in der Regel Früchte, die nachreifen, so genannte klimakterische Früchte. Ein erheblicher Anteil der Südfrüchte, die in Supermärkten und bei Obsthändlern hierzulande zu kaufen sind, ist nachgereift beziehungsweise noch im Prozess der Nachreifung. Avocados zum Beispiel, Bananen oder Mango. Letztere taugt sehr gut für einen Vergleich zwischen unreif und reif geerntem Obst. Der Händler meines Vertrauens erklärt jedem seiner Kunden, der sich über die deutlich unterschiedlichen Preise der von ihm angebotenen Mangos wundert, warum das so ist. Bei ihm hörte ich vor vielen Jahren zum ersten Mal die Begriffe Flugmango und Flugobst. Verkaufen tut sich das in Deutschland nicht sonderlich gut, denn die Deutschen knausern wie kaum ein zweites Völkchen in Europa beim Geldausgeben für Lebensmittel. Gerade mal knapp über 10 Prozent der Gesamtausgaben eines Haushalts entfallen auf Ausgaben für Lebensmittel.
Reif geerntetes Obst muss sehr viel schneller unter die Leute als nachreifendes, deshalb ist der Transport zumeist teurer und auch das Ausfallrisiko für verdorbene Ware muss eingepreist werden. Dafür bekommt man aber wirklich sensationelle Qualität. Die Saftigkeit einer Flugmango, ihr Aroma – einfach unvergleichlich. Natürlich ist es sinnvoll, soweit wie möglich auf regionale Obstsorten zu setzen, die reif geerntet verkauft werden. Auch der Umwelt zu Liebe, klar. Aber in Deutschland ist das Zeitfenster für derartige Angebote recht klein. Es beginnt mit den ersten Erdbeeren, Freiland frühestens Ende Mai zu haben, wenn das Wetter es zulässt, und endet mit Birnen und Äpfeln im Herbst. Dazwischen können wir uns noch an Pflaumen, Kirschen und diversen roten Beeren freuen, aber das war’s dann auch. Von Dezember bis Mai bleibt fast nur Importware, oder Lageräpfel und Eingemachtes.
Dass die Biosynthese von Ethylen (auch: Ethen) an die Reifung klimakterischer Früchte geknüpft ist und Enzyme stimuliert, die den Prozess in Gang bringen, wird vermutlich kaum jemanden interessieren, gleichwohl ist es insofern von Bedeutung als man diesen Umstand nutzen kann, unreife Früchte nachreifen zu lassen. Die Landwirtschaft tut das durch entsprechende Begasung in Gewächshäusern. Aber man kann sich den Umstand des natürlichen Prozesses auch höchstselbst und zu Hause zu nutze machen. Verpackt man zum Beispiel eine reife Avocado zusammen mit einer harten, unreifen Kiwi, wird man recht schnell eine weiche Kiwi haben. Früchte, die man beliebig untereinander paaren kann, um sie reifen zu lassen, weil sie beides können, nämlich sowohl Ethylen abgeben als auch nachreifen, sind: Aprikosen, Äpfel, Avocados, Birnen, Mangos und Pfirsiche.
Der kompottsurfer zieht aber weiterhin den Genuss reif geernteter Früchte vor, soweit sie denn erhältlich sind.