Mundraub Cuisine: Pfannkuchen mit Felsenbirne und Holunderblüten

Ja, ich weiß, es ist ein Umweg zum Rezept. Aber ich muss den Schlenker vorweg einfach machen, denn ausgerechnet am selben Tag als die Stadt Wattenscheid von der Stadt Bochum verspeist, Wanne-Eickel von Herne gesnackt und Kettwig von Essen und Mülheim geschluckt wurden, fiel die so genannte Mundraubregelung einer Novellierung des Strafgesesetzbuches (StGB) zum Opfer. Kann doch kein Zufall sein, möchte man mit Blick auf das Ruhrgebietsgesetz sagen, das zum 1. Januar 1975 zahlreichen Städten der Region erlaubte, ihre kleineren Nachbarn zu futtern. Denn die umgangssprachlich Mundraub genannte Verbrauchsmittelentwendung aus § 370 Nr. 5 StGB war ab genau diesem Tag nicht mehr zulässig. In Wahrheit ist es natürlich viel komplizierter, weil der Verzicht auf Strafverfolgung beim Diebstahl von Kleinstmengen Nahrungsmitteln durch das Gesetz schon zuvor alles andere als klar definiert war. Das Delikt wurde früher, grob gesagt, nur als Gesetzesübertretung betrachtet, wie im eingeschränkten Halteverbot parken. Heute ist es ein Vergehen und somit eine minderschwere Straftat.

Wie auch immer: Mundraub ist aktuell wieder in aller Mu …, ach nee, das ist sogar mir zu platt, also Mundraub ist gerade jetzt ein großes Thema in Zeiten von Nachhaltigkeit und Lebensmittelverschwendung. Zum Beispiel in Zusammenhang mit dem so genannten Containern oder mit dem Abernten öffentlicher Obstbäume und – sträucher.

Neulich sah ich vom Balkon aus einen Jugendlichen auf dem Schulhof mit einem Fußball jonglieren. Seine Ballkontrolle war beachtlich, aber wirklich erstaunt hatte mich etwas anderes: Immer, wenn ihm nach ein bis zwei Minuten Ball hochhalten die Kugel außer Kontrolle geriet, pflückte er von einem nahegelegenen Baum oder Strauch etwas ab und steckt es sich in den Mund. Kaum war der Bursche verschwunden, machte ich mich auf den Weg nach Draußen, um nachzusehen, von welchem Bonbonbaum er da welche Leckerlies geerntet hatte. Waren es wohl Blätter oder Früchte?

Schon aus einigen Metern Entfernung konnte ich erkennen, dass es Früchte waren. Dunkelblau in der Farbe und ungefähr so groß wie Preiselbeeren. Hunderte davon baumelten im Baum herum. Da ich den Jugendlichen nirgendwo mit Krämpfen auf dem Boden liegen sah, nahm ich an, dass die Dinger nicht schlimm giftig sein konnten. Aber man weiß ja nie. Also zog ich mein iPhone aus der Tasche und hielt den Scanner einer Pflanzenerkennungs-App drauf. Ergebnis: Felsenbirne. Bitte was? Hatte noch nie von diesen Früchten gehört, fand übers Netz aber schnell ihre Genießbarkeit bestätigt. Also warf ich ein paar von den Dingern ein und war erstaunt über das delikate Aroma. Feine, beerige Fruchtsüße gepaart mit einer Marzipannote im Nachgeschmack. Nur sind es keine Beeren. Wie Birnen haben sie ein kleines Kerngehäuse, das man aber mit isst.

Ich überlegte, was ich mit der Ernte anstellen könnte und mir fielen Pfannkuchen ein. Tags zuvor hatte ich Holunderblüten gepflückt, und möglicherweise würde beides in Kombitation gut harmonieren. Und das tat es tatsächlich. Wer also dieser Tage irgendwo einen Strauch mit reifen Felsenbirnen entdeckt, die früher häufiger als Ziersträucher im öffentlichen Raum angepflanzt wurden, und irgendwo noch Holunderblüten findet, kann folgendes Rezept mal ausprobieren:

Zutaten für 4 Personen: 50 g Buchweizenmehl, 50 g Dinkelvollkornmehl, 100 g Dinkelweißmehl, 6 Eier (Größe M), 500 ml frische Vollmilch, Butter, 4 Handvoll Felsenbirnen, 4 große Stängel Holunderblüten, Puderzucker, Salz .

Zubereitung: Felsenbirnen abspülen, die weißen Holunderblüten von den Stängeln abpflücken und alles beiseite stellen. Mehl mit der Milch in eine Schüssel füllen. Eier trennen und das Eigelb zu Mehl und Milch, das Eiklar in eine zweite Schüssel geben. Eiklar zusammen mit einer Prise Salz wahlweise mit einem Schneebesen oder einem Handrührgerät fest schaumig aufschlagen. Anschließend Milch, Mehl und Eigelb homogen verrühren und schließlich mit dem Eischnee so vermengen, dass der Teig noch sein Volumen behält.

Butter in einer leicht vorgewärmten Pfanne bei mittlerer Hitze zerlassen und Teigmasse  zugeben, sobald die Butter Blasen wirft. Teig kurz anziehen lassen, eine Hand voll Felsenbirnen in die Teigmasse geben, so, dass sie leicht einsinken und anschließend noch etwas Teig über die Früchte tropfen bis alles bedeckt ist. Das Wenden von Pfannkuchen durch Hochwerfen braucht Übung, gelingt aber nach nur wenigen Fehlversuchen mit aufwändigen Herdreinigungen von Mal zu Mal besser. Wichtig ist, die Wendeaktion nicht zu früh zu starten. Erst wenn die Teigoberfläche nicht mehr feuchtglänzend ist, sollte das Manöver beginnen. Auch nicht zu lange damit warten, sonst wird der Pfannkuchen zu trocken. Zunächst durch vorsichtiges Rütteln testen, ob der Pfannkuchen nirgendwo am Pfannenboden festklebt, und dann kann die Show beginnen. Und nicht entmutigen lassen, wenn’s die ersten Male vielleicht daneben geht. Wenn der Pfannkuchen gewendet ist, mit Holunderblüten und Puderzucker bestreut servieren.