Weingut Korrell: Wenn das Gute liegt nicht so Nahe.

Ja, ich weiß, haarsträubende Überschrift. Ganz schlimm. Meinen Volontärinnen und Volontären hätte ich so was nicht durchgehen lassen, damals. Aber ich liebe die Freiheit, hier mal bewusst das zu tun, was man als Schreiber nicht tun sollte. Und damit auch genug der Selbstreferenz. Ich will was über Wein loswerden. Über die Rieslinge und Spätburgunder vom Weingut Korrell Johanneshof.

Ihr ahnt es sicher schon: Das Weingut Korrell liegt im Anbaugebiet Nahe. Als ich im August das Domizil von Martin und Britta Korrell in Bad Kreuznach besuchte, auf dem Rückweg aus meinem Sommerurlaub, waren die beiden zwar noch nicht aus ihren Ferien zurück, dafür stand mir aber Sonja Reinbold – verantwortlich für PR, Marketing und Export – Rede und Antwort. Bis 2020 leitete sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Jetzt kommt ihr profundes Wissen um Wohl und Wehe von Weinbau und Weinwirtschaft in Deutschland dem Weingut Korrell Johanneshof zugute – und neugierigen Journalisten wie mir.

Natürlich war das erste Thema die Flutkatastrophe. Die  Menschen in ganz Deutschland standen ja  noch sehr unter dem Eindruck der Ereignisse aus dem Juli. Das Anbaugebiet Ahr hatte es besonders schlimm erwischt. Ich wollte wissen, wie groß die Gefahr durch Extremwetterereignisse für die Weinlagen von Korrell ist. Überflutungen. Hitze. Dürre. Hagel. Sturm. „Wir sind hier in der glücklichen Lage, kaum von Extremwetter bedroht zu sein”, sagt Sonja Reinbold und verweist auf die Verortung der wichtigsten Anbauflächen abseits des Flusslaufs der Nahe. Die bedeutendste Lage heißt Paradies, sie liegt südlich bis südwestlich unterhalb des Bosenbergs und ist der Nahe nicht annähernd so nah, wie dem Anbaugebiet Rheinhessen, ein paar Meter weiter. Was kann es für die PR- und Marketingchefin eines Weinguts Schöneres geben, als über das Spitzenprodukt ihres Hauses mit Fug und Recht sagen zu dürfen: “Unser bester Wein kommt aus dem Paradies!” Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sonja Reinbold hat das nicht gesagt. Statt dessen lässt sie den Wein selbst sprechen und mich probieren.

Schon einige Wochen zuvor hatte ich ein paar Schlucke 2020er Riesling Trocken aus dem Paradies nehmen können und war überwältigt. In der biblischen Schöpfungsgeschichte überredet die Schlange Eva, Früchte vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, obwohl es ihr und Adam von Gott verboten war. Sie taten es trotzdem und wurden bestraft. Ich aber sage Euch: Wenn ihr von dieser verflüssigten Frucht aus dem Paradies trinkt, bestraft Euch niemand, im schlimmsten Fall nur das Leben, wenn ihr zu spät kommt mit eurer Bestellung. Einschränkend muss ich sagen, dass sich die Erkenntnis von Gut und Böse beim Trinken nicht einstellen wollte. Da war nur Gut. Ich machte folgende paradiesische Verkostungsnotizen:

Farbe: Klares Hellgelb mit grünen Reflexen
Duft: Üppige, vielschichtige Frucht mit Aromen von Apfel, Pfirsich, Aprikose, Orangenzeste und weißen Blüten.
Geschmack: Aromen von Zitrusfrucht, Aprikose und mineralische Noten. Ein großartiger Wein mit reichlich Tiefe und Länge, harmonisch ausbalanciert. Trockener Riesling wie er kaum besser zu machen ist und der für mich 95/100 Punkte verdient hat. Ein Wein aus dem oberen Preisbereich von Korrell und doch mit unter 30 Euro barmherzig kalkuliert für einen Tropfen dieser Güte.

Was mich zu den Einsteigerweinen bringt. Die mich beinahe noch mehr beeindrucken, weil man so viel Genuss für vergleichsweise wenig Geld bekommt. Da sind nicht nur der Gutsriesling trocken und der feinherbe Riesling Kabinett für unter 10 Euro zu haben, sondern auch Weißer und Grauer Burgunder. Und der 2019 Spätburgunder ist ebenfalls mehr als jeden Cent seiner 10,90 €  wert.

Berichtenswert auch eine neue Idee, die von den Korrells verfolgt wird:  Von den großen Lagen heißt eine Riesling-Cuvée, die Rebgut aus vier Einzellagen der Korrells in einen Wein münden lässt. Eine der Überlegungen dahinter: Nicht jedes Jahr liefert jede der vielen Einzellagen genug Ertrag für einen solitären Ausbau, der wirtschaftlich Sinn macht. Mit der Cuvée aber steigen nicht nur die Handlungsspielräume, alles erstklassige Rebgut angemessen abfüllen und vermarkten zu können – Martin Korrell kann als Kellermeister auch einen Wein orchestrieren, der die Bodenvielfalt des Terroirs an der Nahe auf besondere Weise spiegelt. Mich hat der Wein jedenfalls restlos überzeugt. Und ein paar Flaschen davon wurden auch gleich eingekauft.

Vieles deutet darauf hin, dass die Korrells mit ihrem Weingut langfristig Weltruf erlangen können, so wie die Dönhoffs, Nachbarn von der Nahe. 1994 lernte ich beim Internationalen Weinfestival in Mainz Helmut Dönnhoff kennen und die Weine seines Weinguts Hermann Dönnhoff schätzen. Mein Eindruck: Damals war Dönnhoff dort, wo Korrell jetzt ist, wobei das natürlich schwer zu vergleichen ist. Das weltweite Ansehen deutscher Weine ist in den letzten 25 Jahren deutlich gewachsen und die Märkte haben sich sehr verändert. Wie auch immer: Als i-Tüpfelchen für die Ambitionen der Korrells mögen die wertigen 6er original Holzkisten dienen, in denen die Spitzenlagen des Hauses neuerdings geordert werden können.

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