Brauereibesichtigung bei Moritz Fiege: Darum machen die Bochumer so gutes Bier.

Ich bin gerade im Stress. Aufmerksame Leser erinnern sich vielleicht noch an meine Liste von Vorhaben für 2019, die ich im vergangenen Dezember hier gepostet habe. Diese Liste droht mir schon bald schmerzhaft auf die Füße zu fallen, so viel Gewicht das unerledigte Zeug immer noch hat. Deshalb also Stress. Weil ich es noch immer nicht hinbekomme, einfach zu sagen: Was interessiert ich mein Geschwätz von gestern. Aber gut, noch ist ja nicht der 31.12., und wenn ich mich ranhalte, krieg’ ich noch ein bisschen was weg, auf dass die Sache unter dem Strich wenigstens einigermaßen hinkommt. Und so nahm ich auch dankend an, als mein Laufkumpel Wolfgang für interessierte Vereinskolleginnen und -kollegen eine Brauereibesichtigung bei Moritz Fiege organisierte. Die stand nämlich auch auf meiner To-Do-Liste 2019 und war noch nicht abgearbeitet.

Irgendwann in den frühen 1990ern hatte ich dort schon mal eine Besichtigung gemacht, aber die Erinnerung daran ist bestenfalls verschwommen, mein Zustand damals … – ich verzichte besser auf Details. Also lief ich dort letzte Woche stocknüchtern auf, um mitzubekommen, wie mein erklärtes Lieblingspils gebraut wird. Der Status Lieblingspils hat übrigens nur sehr bedingt mit Lokalpatriotismus zu tun. Der bildet kaum mehr als die perfekte Schaumkrone meiner Zuneigung. Entscheidend ist der Geschmack, Doppelschwör! Und zur Schaumkrone kommen wir später noch.

Zu Beginn des Rundgangs fanden wir uns im Fiege Fanshop auf dem Gelände der 1876 gegründeten Privatbrauerei ein und wurden von einer Art Bierkulturattaché begrüßt, dessen Name mir entfallen ist; und ich verbitte mir jetzt jeden spekulativen Kommentar über die Gründe meiner Amnesie. Wo war ich? Ach ja. Fanshop. Sowas haben die hier, weil die Fiege-Brauerei sich einer treuen Anhängerschaft erfreut, die aus ihrer Bierpräferenz kein Geheimnis macht, sondern sie der Welt gerne auf Mützen, Jacken, Shirts und VfL-Bochum-Schals präsentiert. Was auch daran liegt, dass die Fans die hopfenherbe Note von Fiege Pils gegenüber Bierbanausen des öfteren verteidigen muss. Und das geht man am besten offensiv an.

Während der Tour erfuhren wir einiges über den außergewöhnlichen Aufwand, den man hier vom Einkauf der Zutaten, über den Brauprozess, bis hin zur Abfüllung betreibt. Moritz Fiege ist eine von aktuell nur 17 Brauereien in Deutschland, die das Zertifikat slow brewing tragen dürfen. Wie der Name verrät, reift das Bier hier länger als bei großen Marken, die auf Massenproduktion setzen und – meine Meinung – auch Massengeschmack bedienen. Einige dieser Brauereien verdünnen ihr Bier sogar nachträglich mit Wasser. Kein Witz. Das Verdünnen (High Gravity Brewing) ist völlig legal, verstößt auch nicht gegen das Reinheitsgebot, macht aber den Herstellungsprozess billiger. Der Trick besteht darin, mit höherer Stammwürze zu arbeiten. Durch die Verdünnung wird das Bier schließlich auf das gewünschte Aromaprofil gebracht. Der Unterschied erinnert mich an Orangensaft. Den gibt’s entweder frisch gepresst oder aus Orangensaftkonzentrat. Zugestanden, nicht ganz vergleichbar, aber es geht in diese Richtung.

Jeden Monat überprüfen Experten der TU München-Weihenstephan die geschmackliche Qualität der Biere. Einmal im Jahr findet zudem eine Überprüfung durch das unabhängige Slow-Brewing-Institut statt, wo Rohstoffqualität, Brauweise und Unternehmenskultur beurteilt werden. Nur wenn eine Brauerei in allen Bereichen Bestnoten abliefert, bekommt sie das Zertifikat für die Dauer von einem Jahr zugesprochen.

Ich geb’s zu, ziemlich trocken das Ganze. Aber unser Bierkulturattaché brachte die vielen Fakten bei unserem Rundgang auf wunderbar kurzweilige Weise rüber, und Flüssigkeit gab’s am Ende auch noch reichlich. Erst durften wir uns im Braukeller das köstliche Zwickelbier (noch ungefiltert) selbst zapfen, dann ging’s hoch ins oberste Stockwerk des Fiege-Turms zur Verkostung aller aktuellen Sorten in der Zirbelstube – von Bernstein Hell bis zum klassischen Fiege Pils. Dazu gab’s die legendäre Bochumer Currywurst von Dönninghaus mit scharfer Sauce.

Ja, richtig, da war noch was. Die Schaumkrone. Ich nutze die Gelegenheit, den Mann am Zapfhahn nach der berühmten 7-Minuten-Regel zu befragen, nach der angeblich ein Pils mit perfekter Schaumkrone über diese sieben Minuten etappenweise gezapft werden soll. Die Wissenschaft hat das zwar längst widerlegt, aber was sagt der Praktiker? “Sieben Minuten ist tatsächlich Unsinn, aber drei bis vier Minuten halte ich schon für nötig, damit die Schaumkrone eine gute Festigkeit bekommt.”

Ich kann die BrauKultTour bei Moritz Fiege uneingeschränkt empfehlen. Die 16,50 Euro für ein Ticket sind bestens investiert, zumal der Preis für An- und Abreise mit Bus und Bahn (VRR) inbegriffen ist. Na dann, Prost!

Die Prepaid Card für Bier aus dem Zapfhahn.

Kaum bin ich in Annecy für ein paar Stunden mit einem in Frankreich lebenden US-Amerikaner unterwegs, schon lande ich in einem Bierlokal. Der Begriff Kneipe wäre für Beer o’ Clock unpassend, weil das Bier aus dem Fass – die Franzosen nennen es Pression – selbst und eigenhändig gezappft und per Prepaid Card bezahlt wird. “Das würde bei uns in den USA niemals funktionieren”, sagte mir mein Begleiter. Denn damit es funktioniert, sind Ehrlichkeit und Aufmerksamkeit gefragt, und gerade Letzteres kommt einem bei erhöhtem Alkoholpegel schnell mal abhanden.
Geboten werden im Beer o’ Clock diverse Craft-Biere aus der ganzen Welt. Wechselnde Spezialitäten aus USA, Japan, Belgien, Tschechien, Dänemark werden fassweise bereitgestellt und können aus einer Batterie Zapfhähne so lange abgefüllt werden bis man abgefüllt und die Prepaid Card aufgebraucht ist. Wer jetzt annimmt, hier torkelten die Gäste unkontrollierbar zwischen Tresen und Tisch hin und her, wird überrascht sein, dass es tatsächlich erstaunlich kultiviert zugeht. Ob das Konzept auch für Massenbierausschank in großen Gastronomiebetrieben funktionieren würde? Ich denke, eher nicht.
So interessant die Idee auch ist – ich mag es lieber, von einem leibhaftigen Wirt mein Bier gezapft und serviert zu bekommen.

Bier (2): Preisabsprachen? Beim vielleicht besten Gerstensaft der Welt ziemlich sinnlos.

Strafzahlungen in Höhe von 90 Millionen Euro vehängte unlängst das Bundeskartellamt gegen große Handelsketten wegen unerlaubter Preisabsprachen, die vor allem beliebte Biermarken und Süßigkeiten betrafen. Attraktiv sind solche Preisabsprachen natürlich nur, wenn die Umsatzmengen entsprechend hoch sind. Das kann vom besten Bier der Welt (wie es Delikatessenpapst Ralf Bos adelt) wahrlich nicht behauptet werden. 39,90 Euro werden für eine Flasche (0,75 l) des edlen Neuschwansteiner Biers fällig, und die Produktionsmenge – der Bierausstoß  wie es im Fachsprech heißt – ist so gering, dass dem Preis vermutlich auch eine Raritätenkomponente innewohnt.
Wie auch immer, dieses bayerische Märzenbier betörend zu finden, ist nicht schwer. Die prägnante Bernsteinfarbe, der feine Schaum, die nicht minder feine und gleichmäßige Perlung und die aromatische, unaufringliche Würze  machen es zu einem Edelstein unter den deutschen Bieren. Anders als viele Craft Biere und belgische Spezialitäten ist das Neuschwansteiner mit seinen 6 Vol.% Alkohol ungemein trinkig. Es macht nicht satt, sondern Lust auf mehr. Und das geht dann schon extrem auf den Geldbeutel.
Das Neuschwansteiner wird nach einer besonderen Braumethode hergestellt, die Méthode Royale heißt. Mit Alpenwasser gebraut, durchläuft das Neuschwansteiner im Brauprozess einen so genannten Bernsteinfilter und schließlich einen Gefriervorgang, der den Alkoholgehalt auf 6 Vol. % stabilisiert. Keine Frage, dieses Bier rechtfertigt Lobeshymnen. Hicks!

Bier (1); 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot, nur der Verbraucher hält sich (manchmal) nicht daran.

Genau 500 Jahre ist es her, dass im Herzogtum Bayern folgender Erlass erging: Wir wollen auch sonderlichen, das füran allenthalben in unnsern Steten, Märckten und auf dem Lannde, zu kainem Pier merer Stückh, dann allain Gersten, Hopffen unnd Wasser, genommen und gepraucht sollen werden.
Seither gilt 1516 als Geburtsjahr des Reinheitsgebotes für deutsches Bier. Laut Wikipedia soll es schon zu früheren Zeiten Brauordnungen für Bier gegeben haben, aber das würde jetzt zu weit führen. Warum der kompottsurfer das Thema jetzt aufgreift, hat einen unerfreulichen Grund. Zum zweiten Mal innerhalb von nur wenigen Monaten öffneten wir hier im Hause eine Bügelflasche Pils, die statt angenehm herb duftendem Hopfenaroma eine unangenehme Aschenbechernote offenbarte.
Nach Rücksprache mit der Brauerei ist das undelikate Delikt von Verbrauchern verursacht, die Bügelflaschen als Aschenbecher missbrauchen. Gerade in der Grill- und Freiluftsaison, wo so mancher Flascheninhalt draußen gegluckert wird, ertränken einige Biertrinker ihre glimmenden Zigarettenstumpen in fast leere Flaschen und verschließen sie dann mit dem Bügel. Liebe Biertrinker: Bitte lasst diese Unsitte! Die Reinigungsanlage für die Flaschen schafft es nicht immer, den extrem hartnäckigen Geruch, der sich an den mehrfach genutzten Verschlüssen festsetzt, rückstandsfrei zu lösen. Und schon hat der nächste Biertrinker diesen wirklich üblen Gestank am Hals.
Das Reinheitsgebot ist also keinesfalls nur eine Sache der Brauer. Auch der Verbraucher kann seinen Beitrag leisten.