Kaffeebohnen aus dem Pfandglas.

Die Idee war überfällig. Und ich frage mich, warum nicht schon früher jemand darauf gekommen ist, Kaffeebohnen im aromadicht verschließbaren Pfandglas zu verkaufen statt in Wegwerftüten. Der Siegburger Unternehmer Uwe Prommer, Inhaber der Rösterei Cofi Loco, wird jetzt als Vorreiter für einen entsprechenden Vorstoß gefeiert. Seine Firma füllt die Bohnen auch nicht in Standardglasflaschen ab, sondern in Glasbehältern mit Aromadeckel zum Wiederverschließen, was die Bohnen besonders frisch halten soll.

Seit gut zwei Jahrzehnten mache ich es daheim mit der Aufbewahrung meines Kaffees kaum anders. Frisch gekaufte Bohnen fülle ich direkt in Einkochgläser mit Dichtungsring um und stelle das Glas in den Kühlschrank. Ja, ich weiß, von Kühlschranklagerung wird vielfach abgeraten, aber nach meinen Erfahrungen gilt das nur für gemahlenen Kaffee, der tatsächlich Aroma verliert oder Aromen anderer Kühlschrankbewohner annimmt. Bei ganzen Bohnen – im luftdicht verschlossenen Einkochglas aufbewahrt – konnte ich noch keine Beeinträchtigung feststellen, zumal der Aromaschub von Kaffee erst durch die Mahlung richtig in Gang kommt. Hermetisch verriegelt und im Kühlschrank aufbewahrt, vermeidet man jedenfalls die größten Aromakiller: Licht, Wärme, Temperaturschwankungen. Sicherlich spielt auch noch eine Rolle, wie lange die Bohnen gelagert werden. Bei mir werden sie nicht alt – bei dem hohen Espresso-Durchlauf pro Tag.

Der Pfandglasvorstoß von Cofi Loco ist gut. In der Bochumer Rösterei meines Vertrauens hatte man bereits mal vor langer Zeit Kunden ermöglicht, Kaffeebohnen in mitgebrachte Behälter abfüllen zu lassen. Aber wie das so ist in unserem Land der vielen Vorschriften: Dieser umweltfreundliche Service kollidiert mit Hygienebestimmungen, weshalb man das Angebot zwischenzeitlich wieder einstellen musste. Seit einigen Monaten kann man aber auch bei röstart seinen Kaffee im Pfandglas einkaufen. Zwar mag der Deckel hier nicht so ausgeklügelt sein wie bei Cofi Loco, dafür bringt das eingesetzte Braunglas Vorteile für den Aromaschutz, weil es den Lichteinfall verringert. Und noch eine Vorschrift: das neue Verpackungsgesetz. Es soll der Müllvermeidung dienen und lässt deshalb Gebühren anfallen für das Inverkehrbringen von Einwegverpackungen. Aber Lebensmittel in eigene Behältnisse abfüllen lassen, ist auch nicht erlaubt. Schon ein wenig widersprüchlich vom Ansatz, finde ich. An diesem Punkt scheint das Pfandsystem immerhin eine interessante und umweltfreundliche Lösung zu sein.

Macht Kaffeetrinken kreativ? Neue Studie liefert interessante Einsichten.

Und? Wieviel Liter Kaffee, Espresso, Cappucino trinken Sie so am Tag? Ich erinnere mich schemenhaft an Zeiten, wo ich im Redaktionsbüro gut und gerne 1,5 Liter Filterkaffee am Tag weggesoffen habe. Ja, gesoffen. Trinken und genießen konnte man das nicht nennen. Zu meiner Verteidigung bleibt nur zu sagen, dass ich damit eher am unteren Rand der Konsumskala lag. Es gab Kolleginnen und Kollegen, die wären bei meiner Menge wegen akuter Unterkoffeinierung kaum arbeitsfähig gewesen. Zumindest waren sie selbst davon überzeugt. Wie auch immer, wir haben damals felsenfest daran geglaubt, zu wenig Kaffee raubte uns Kreativpotential.

Ein Team der Universitäten Arkansas und North Carolina veröffentlichte nun kürzlich eine Studie in der erstmals Untersuchungen über die Auswirkungen von Koffeinkonsum auf die Kreativität beschrieben werden. Darya Zabelina, Professorin für Psychologie und Hauptautorin der Studie schreibt dazu: “In westlichen Kulturen ist Koffein stereotyp mit kreativen Berufen und Lebensstilen verbunden – von Schriftstellern und ihrem Kaffee bis hin zu Programmierern und ihren Energiegetränken, und diese Stereotypen enthalten mehr als nur einen Kern der Wahrheit.”

Anlass für die Studie war für die Autorin der Umstand, dass Koffein das weltweit am häufigsten konsumierte Psychopharmakon ist. So dokumentieren zahlreiche Studien zwar die Auswirkungen von Koffein auf Wachsamkeit, Stimmung, Konzentration und Aufmerksamkeit, aber inwieweit es auf das kreative Denken Einfluss nimmt, war unbekannt. In einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblind-Studie untersuchte man deshalb bei den Probanden die Auswirkungen eines moderaten Koffeinkonsums auf die kreative Problemlösung (konvergentes Denken) und die kreative Ideengenerierung (divergentes Denken), orientiert an wissenschaftlich gängigen Maßstäben. Und fand heraus, dass Teilnehmer, die 200 mg Koffein (in Pillenform) konsumierten, im Vergleich zu den Placebo-Probanden, eine signifikant verbesserte Fähigkeiten zur Problemlösung zeigten. Auf Ideengenerierung und Arbeitsgedächtnis hatte der Konsum jedoch keinen Effekt. Allerdings wirkte sich das Koffein positiv auf die Stimmung aus. So gaben die Probanden an, sich weniger traurig gefühlt zu haben.

So interessant die Ergebnisse in Bezug auf den reinen Wirkstoff Koffein auch sind – mich hätte viel mehr interessiert, welchen Effekt koffeinierter Kaffee hat, ganz besonders auch im Vergleich zur Pille. Denn für mich persönlich ist die sinnliche Komponente des Kaffeekonsums nicht von der psychologischen Wirkung zu trennen. Zumal die Wissenschaft schon längst herausgefunden hat, dass allein schon der Duft von Kaffee einen Wachmachereffekt hat. Vielleicht macht der Duft auch kreativ? Frau Zabelina, übernehmen Sie!

Und jetzt ist’s höchste Zeit für einen Cappucino. Die Tasse (mit einem doppelten Espresso zubereitet) dürfte etwa 60 mg Koffein enthalten. Ich sollte wohl mal meinen Konsum von zwei auf drei erhöhen – bei meiner kreativen Problemlösungsfähigkeit ist aktuell nämlich noch reichlich Luft nach oben.

Mein Espresso, der Prütt und der Kaffeesatz

Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal. Das erste Mal als ich mir Gedanken über Kaffeesatz machte. Es muss irgendwann in den 1980ern gewesen sein. Ich war noch jung und las in einem Spiegel-Artikel über Geschehnisse im Kreml sinngemäß: Man wisse nicht, was dort gerade vor sich gehe und könne nur Kaffeesatz lesen.

Ich habe mich damals gefragt, wo die Redewendung herkommt. Während Mohnbrötchen für unkorrekte Witze über Blinde herhalten mussten, schien der Kaffeesatz eine Angelegenheit des politischen Geschäfts und der Umgang damit durchaus eine Kunst zu sein. Wer ihn zu lesen verstand, wusste, was in den engsten Zirkeln der Mächtigen ersonnen wurde.

Es war zu dieser Zeit nicht möglich, das Internet anzuzapfen und sein Bedürfnis nach Aufklärung über die Begriffsentstehung zu stillen. Neulich erinnerte ich mich an diese Kaffeesatzgeschichte, weil daheim die Diskussion aufflammte, wie der Prütt aus dem Siebträger der Espressomaschine am besten zu entsorgen sei. Natürlich ist ein Brocken Prütt nicht lesbar wie feiner Kaffeesatz in der Tasse, der sich nach dem Filtern auf dem Boden absetzt. Aber in meinem Kopf war das nur ein kurzer Gedankensprung. Sie kennen das: Irgendwann landet man bei chronischen Krankheiten und weiß nicht mehr, wie man da hin gekommen ist. Wo war ich? Ach ja: Kaffeesatz und Prütt. Was also tun mit dem Prütt? In den Ausguss der Spüle damit, weil er das Abflussrohr säubern hilft und Fette bindet. Behauptet noch heute so mancher Experte für angeblich bewährte Hausmittel. Unser Vertrauensmann für Gas, Wasser, Klo hält dagegen: “Unsinn!”, sagt er. Zumal der Prütt auch Kaffeefette enthielte. Und das Zeug verstopfe mehr als dass es reinige.

Also ab damit in den Hausmüll? Kann man so machen. Die bayerische Firma Schöffel, Ausrüster für hochwertige Outdoor-Kleidung, hat aber noch eine andere Verwendung dafür. Sie lässt Kaffeesatz in Textilfasern einweben und macht Kleidung daraus. S. Café heißt die kürzlich vorgestellte Kollektion. Das Matrial wird von Innen auf Jacken und Hosen aufgebracht und wirkt angeblich geruchshemmend. Die Idee passt zur Philosophie von Firmenchef Peter Schöffel, dem das Thema Nachhaltigkeit glaubhaft am Herzen liegt. Vor zwei Jahren hatte ich mit ihm mal ein längeres Gespräch über umweltgerechte Outdoor-Kleidung geführt. Sein Unternehmen, so sagte er damals sinngemäß, suche nach immer neuen Wegen, bei der Nachhaltigkeit voranzukommen. Dass Schöffel mal Kaffeesatz für Kleidung recyclen würde, darauf wäre ich aber damals nicht im Traum gekommen. Vielleicht hätte ich es mal mit Kaffeesatzlesen probieren sollen. Im Netz findet man übrigens viele Erklärungen zur Herkunft der orakelhaften Resteverwertung. Besonders gepflegt wird der Brauch, angeblich, im türkisch-orientalischen Raum. Im Grunde ist es nichts anderes als Bleigießen zu Silvester. Nur, dass ein Jahresend-Orakel lange nachwirkt, während die im Kaffeesatz gesichteten Symbole jeden Tag aufs Neue gedeutet werden können.

Kaffee und angebliche Krebsgefahr: Wie ein Urteil gegen Starbucks und Co. Verwirrung stiftet.

Als der kompottsurfer im letzten Herbst ausführlich über eine neue EU-Verordnung zum Thema Acrylamid berichtete – dabei aber Kaffee bewusst ausklammerte – war in den USA bereits eine Klage wegen Krebsgefahr durch Acrylamid im Kaffee in Vorbereitung. Eingereicht durch eine NGO, das Council for Education and Research on Toxics (CERT). Nun entschied ein Gericht in Los Angeles unter Vorsitz von Richter Elihu Berle, dass Unternehmen wie Starbucks, McDonalds und etwa 90 andere Warmhinweise auf ihre Becher drucken müssen. Abgesehen davon, dass die Unternehmen noch bis Mitte April Zeit haben, Widerspruch gegen das Urteil einzulegen, kam mir gleich der Gedanke: Und was passiert, wenn ich als Umweltfreund in LA mit meiner schicken Hydro Flask bei Starbucks Kaffee hole statt im Einwegplastikbecher? Müssen die mir dann beim Bezahlen einen Gefahrenbescheid aushändigen?

Wie auch immer: In Kalifornien sind Unternehmen gesetzlich verpflichtet, Verbraucher zu warnen, wenn ihre Produkte Verbindungen enthalten, die Krebs verursachen könnten. Nun ist längst nicht klar, ob das beim Rösten von Kaffee entstehende Acrylamid überhaupt in gesundheitlich bedenklicher Menge anfällt. Richter Berle fällte denn auch ein auf Versäumnis denn Verseuchnis beruhendes Urteil. Die Beklagten hätten es versäumt, ihrer Beweispflicht nachzukommen, dass der Konsum von Kaffee einen Vorteil für die menschliche Gesundheit darstellt.

Anscheinend müssen Hersteller in Kalifornien nachweisen, dass der Konsum ihres Kaffees von Vorteil für die Gesundheit ist, um zu verhindern, dass des Amerikaners liebstes Heißgetränk als Krankmacher abgestempelt wird. Verstehen muss man diese juristische Logik nicht.

Aber was ist denn nun mit der Krebsgefahr? Die chemische Reaktion, die Acrylamid bildet, kommt in Gang wenn kohlenhydratige Speisen auf mehr als 120 Grad erhitzt werden. Je länger und heißer, desto mehr Acrylamid kann entstehen. Mit dem gelegentlich gefährlichen Halbwissen eines lebensmittelchemisch interessierten Journalisten frage ich mich: Sind Kaffeebohnen tatsächlich Kohlenhydratbomben? Antwort aus dem Lehrbuch von Belitz, Grosch und Schieberle: Die Anteile betragen 38% (Arabica) bzw. 41,5% (Robusta). Zum Vergleich: Weizenmehl enthält 71%, Kartoffeln 17%. Die Menge allein sagt erstmal noch nicht allzu viel aus, was aber leicht zu erkennen ist: Kaffeebohnen enthalten reichlich Kohlenhydrate.

Aber nun kommt mal wieder die Wissenschaft ins Spiel. Unbestritten ist, dass Röstprozesse kohlenhydrathaltiger Verbindungen Acrylamid entstehen lassen. Unbestritten ist auch, dass Acrylamid karzinogene Wirkung entfalten kann. Aber wie lassen sich diese Fakten mit einer Reihe Metastudien in Einklang bringen, die Kaffee gesundheitsfördernde Wirkung zuschreiben? Gar nicht. Was zeigt, dass es eben überhaupt nicht einfach ist, komplexe Lebensmittelverbindungen und ihre Wirkungen auf den menschlichen Organismus zu verstehen.

Für mich unerklärlich bleibt, warum die beklagten Unternehmen in Kalifornien, wie es scheint, keine ernsthafte Gegenwehr erkennen ließen. Hatten sie die Lage unterschätzt? Dabei wäre es so einfach gewesen, im eigenen Land bedeutende Fürsprecher zu finden. Wissenschaftler der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston hatten vor wenigen Jahren drei Langzeitstudien mit über 200.000 Probanden ausgewertet. Ergebnis: Kaffeegenuss (bis 5 Tassen täglich) kann als hilfreich gegen tödliche Erkrankungsverläufe durch Herzinfarkt, Diabetes Typ 2 und Depression interpretiert werden. Dazu Frank Hu, am Institut zuständiger Professor für Ernährung und Epidemiologie: “Der regelmäßige Konsum von Kaffee kann als Teil einer gesunden, ausgewogenen Ernährung angesehen werden”,  wie auch der kompottsurfer damals berichtete.